Meisterliches aus Leder
Der Feintäschner
Handwerk in Duisburg
Der letzte Feintäschnermeister im Großraum Duisburg und Umgebung gibt auf. Wie jetzt bekannt wurde, übergab Bruno Marciniak seinen Betrieb endgültig seinem Sohn. Aus gesundheitlichen Gründen kann der 74-jährige Feintäschnermeister keine der über das ganze Land hinaus bekannten Sonderanfertigungen von Koffern und Taschen mehr herstellen. Allerdings möchte er noch viele Jahre sein Wissen weitergeben.
Der Beruf Feintäschner - auch "Portefeuiller" genannt - entstand ursprünglich in England und den Ländern im Mittelmeerraum. Dort wurden schon früh feine Lederwaren hergestellt. Artverwandte Berufe sind Sattler, Täschner und Riemer. Der Feintäschner entwirft und stellt nach Wünschen des Käufers vor allem feine Damen- und Herrentaschen, Börsen und Schmuckkassetten aus Leder verschiedenster Arten her.
Seit vielen Jahren hat der ehemalig reine Handwerksbetrieb schon auf das Ausscheiden des Meisters hingearbeitet. Das Geschäft auf dem Sonnenwall hat sich ganz auf den Verkauf von überwiegend maschinell gefertigten Qualitätslederwaren umgestellt. "Von Hand gefertigte Lederwaren können sich heute nicht mehr viele Kunden leisten und bei den Billigangeboten der großen Kaufhäuser will das auch kaum jemand“ ,meint der Juniorchef. Außerdem geben die teuren Lederwarenhersteller schon Garantien über eine lange Lebensdauer ihrer Produkte. Klar das es immer noch Nachfragen zu Sonderanfertigungen und Arbeiten gibt, alte Erbstücke auch Möbel sollen restauriert oder weitgereiste Koffer instandgesetzt werden. "Die Enttäuschung der Kunden, dass ich selber keine aktive Arbeit mehr leiste ist groß, aber die Gesellin Maria Bartual wird hoffentlich ihr Talent weiterhin für Sonderwünsche bereithalten.“, so der Meister. Natürlich reparieren unsere Mitarbeiter in der Werkstatt immer noch Lederwaren, denn eine alte Weisheit sagt:"Wo repariert wird, kauft man auch." Auch Garantiearbeiten für große ausländische Firmen sind im Programm, aber das ist kein Vergleich mit der liebevollen Feinarbeit von früher. Neugierig nachgefragt wie denn der Beruf früher aussah, schildert der Seniorchef bereitwillig seine Geschichte des Handwerks und des Betriebes. Der erste Eintrag in das Industrie- und Handelsregister erfolgte am 1.6.1923 als Fabrikation feiner Lederwaren. Die Besitzer: Josef und Ida Marciniak.
1941 begann der Sohn, Bruno, mit 14 Jahren die Ausbildung im elterlichen Betrieb. Gelernt hat er Koffersattler, Feintäschner und Portefeuiller. Aus dieser Zeit stammt übrigens die heute noch gültige Ausbildungsverordnung für den Feintäschner Beruf. Nach dem Krieg und 2 Jahren als Soldat wäre er lieber Landwirt oder Sportlehrer geworden, "aber man hatte keine Wahl“. 1946 beendete er seine Lehrzeit. Der Lohn 1955 betrug für einen Gesellen 2 DM pro Stunde Arbeitszeit. Gearbeitet wurde bis zu 10 Stunden täglich. Zu dieser Zeit gehörten alle Mitarbeiter auch mit der Seele zum Betrieb. Geburtstage wurden gemeinsam gefeiert und Weihnachten schmückte man die Werkstatt mit einem Weihnachtsbaum und es gab so manches Geschenk für die Gesellen.
Eine Tasche nach Maß (Arbeitszeit ca. 3 Stunden) 1956 gefertigt kostete 36 DM (inkl. Material). Heute würde man dafür ca. 200 DM oder mehr zahlen. 1960 machte er seine Meisterprüfung und übernahm 1967 den elterlichen Betrieb. Meister Marciniak hat insgesamt 15 Lehrlinge ausgebildet, wovon heut noch zwei im Betrieb arbeiten. Alle Anderen sind im Laufe der Zeit ausgeschieden oder in artverwandte Berufe gewechselt, in denen die Möglichkeiten des Aufstiegs besser sind. Nach den Unterschieden in der Ausbildung früher und heute gefragt kann der ehemalige Prüfungsmeister der Handwerkskammer nur schwer seinen Unmut zurückhalten.: " Früher lernte man noch nähen, zuschneiden, löten, schlossern, schrauben und vor allem Verantwortung für seine Arbeit zu übernehmen, eben alles. Heute geht es nur mit Scheuklappen, jede Firma bildet nur für den eigenen Bedarf aus. Aber die Zeiten ändern sich, ich rühre den Lederkleister auch nicht mehr selber an und die Büroarbeit wird ebenfalls mit dem Computer erledigt.“ Gefragt nach besonderen Ereignissen, hört man nicht ohne Stolz von einem eigenen Messestand im Jahr 1947 in Leipzig, die Silbermedaille für hervorragende Handwerksarbeit von der Kreishandwerkerschaft Duisburg 1950, der Mitarbeit während der großen Renovierung im Duisburger Stadttheater und der Errichtung des ersten Heimes der `Flughunde´ im Duisburger Zoo.
Dass auch Modetrends ihn in seiner aktiven Zeit beeinflusst haben, kann Herr Marciniak nur bestätigen. Ein Beispiel ist die Gobelintasche: Aus zwei meist kunstvoll gestickten Stoffteilen wurde mit viel Arbeit eine ledergefütterte mit einem eleganten Metallbügel versehene Damen- oder Reisetasche. Oder die typische Maulbügeltasche, den meisten als Arzttasche geläufiger handgearbeitet . Natürlich durfte auch die Butterbrottasche für den Kindergarten nicht fehlen. Viele Schreibtischauflagen in den Chefbüros der großen ansässigen Firmen entstanden unter den Händen des Feintäschnermeisters. Die Schultaschen für seine Kinder hat er auch angefertigt, seine Enkel aber winken dankend ab, East Pack Rucksäcke sind der Hit. Der Juniorchef Walter Marciniak glaubt sicher, dass es nur noch wenige Handwerker wie seinen Vater in Deutschland gibt, denn seine Arbeit wurde immer mit "Liebe“ gemacht und kein Stück verließ das Haus ohne eine genaue Überprüfung. "Ausgebildet wird ja auch nur noch in Berlin an einer sonderpädagogischen Einrichtung und in Offenbach an einer Spezialschule für Lederverarbeitung, da können wir nicht mehr mithalten.“ Unsere Auszubildenden müssten in Duisburg gemeinsam mit Raumausstattern und Dekorateuren zur Schule gehen und von Lederverarbeitung hat da keiner Ahnung“, wie er aus eigener Erfahrung weiß.






